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Es ist noch nicht so lange her, dass ich ein Vogelsberger Weidbube war. Heute ist das „Weidfahren“, wie es genannt wurde, auch hier im Vogelsberg vorbei. Aber noch in den 1960er Jahren, zu meiner Kind- und Schulzeit, war bei uns im Dorf das Hüten der Kühe auf Weiden und Wiesen, die ohne Umzäunung waren, gang und gebe. Zwar gab es auch damals schon eingezäunte Wiesen, die so genannte Koppel, in welche Kuhherden getrieben wurden. Dort musste niemand zum Hüten dabei bleiben. Diese lagen meist nahe dem Dorf. Die etwas weiter vom Dorf weg liegenden Wiesen wurden zur Heuernte gemäht und wenn es gut ging, konnte man im zweiten Schnitt noch Grummet ernten. Oft war es so, dass die Bauern nach der Heuernte froh waren, eine gemähte Wiese zu haben, worauf das Vieh dann getrieben werden konnte. Die Heumahd war damals wesentlich später im Jahr, als das heute in der automatisierten Landwirtschaft der Fall ist. Und in einem verregneten Sommer, wenn das Gras nicht abgemäht werden konnte, gab es so schnell keine neue Hutweide für die Kühe. Das junge Gras wuchs in das alte abgestorbene Gras ein. Was für die Bauern, in dem Fall
meinen eigenen Eltern, ein Leid war, das war mir Buben oft eine heimliche
Freude. Hieß das doch, dass die Grummetwiesen gehütet werden mussten! Es wurde
dort kein Weidezaun gestellt. Nein, direkt nach der Schule, und in den
Sommerferien, bei der zu erwartenden Tageshitze auch schon frühmorgens, wurde
das Vieh zum freien Hüten ausgetrieben. Erst zum Sonnenuntergang durfte man es
wieder in den Stall zurück treiben. Uns Buben war das kein Verdruss! Die
Hausaufgaben wurden an diesen Tagen oft nicht gemacht. Manchmal, bei schönem
Wetter, nahm man die "Schulsachen" mit hinaus auf die Weide. Oft
brachte man sie genauso unerledigt wieder zurück. Es war ja so, dass die
Schulkameraden, deren Eltern keine Bauern waren, oft mit mir hinaus auf die
Weide gingen. Die hatten dann ebenso wenig Zeit für Hausaufgaben. Viel wichtiger
war uns, dass das ein ordentlicher Weidkeil (übersetzt: belegtes Brot, das auf
der Weide gegessen wird) geschmiert war und man eine Flasche zu Trinken dabei
hatte.
Schön war es immer beim täglichen
Hüten. Hatte man das Glück, so wie ich, in einem weit abgelegenen
Gemarkungsteil, dem Reifertshain, in einer Waldecke zu hüten, brauchte man sich
den ganzen Tag nicht um das Vieh zu kümmern. Nur eine Seite der Wiese war
hier zum Nachbarn offen. Wenn dieser sein Vieh nicht dort hatte, achtete man als
Weidbub nicht sonderlich darauf, ob eine Kuh die Grenze überschritt oder nicht.
Nein, es gab hier wichtigere Dinge zu tun. Der Reifertshainer Bach, der mitten
durch die Wiese fließt, musste aufgestaut werden. Da hatte man genug Arbeit
aufzubringen. Die Zeit flog dann nur so dahin. Sollten die Kühe zu
Sonnenuntergang zu Hause im Stall sein, so trieb man sie oft erst bei
Sonnenuntergang auf der Weide zusammen. Bei einer Wegstrecke von ca. drei
Kilometern durchs freie Feld, war es dann meistens dunkel, wenn man nach Hause
kam.
Am
schönsten war es immer, wenn zwei, drei Freunde oder Schulkameraden dabei waren.
Dann wurde auch ein Feuer entfacht und „abgekocht“. Pudding und Fertigsuppen
waren so unsere Lieblingsgerichte. Im Reifertshain nahmen wir zum Kochen immer
das Wasser aus dem Bach. Das war so schön sauber und klar. Manchmal, wenn eine
Kaulquappe darin schwamm, wurde die natürlich vorher rausgefischt. Am Ende gab
es immer für jeden genug zu essen. Mit der Ochsenschwanzsuppe war es auch
ziemlich einfach. Die konnte man mit dunkler und fein gesiebter Erde schön
„strecken“. Es hat uns nicht geschadet! Jeder Weidfahrtag wurde so zu einem
eigenen großes Erlebnis.
Hatten wir großes Glück, dann wurde
auch die Nachbarwiese gehütet. Wir ließen dann die Herden sich mischen und gaben
uns wichtigen Aufgaben hin. Meist wurden Gebiete, heute würde man Claims dazu
sagen, abgesteckt, wo man im Schutz einer Hecke Budchen baute. Das machte die
Gegenseite, die Hütejungen der Nachbarweide, auch. Danach galt es, das eigene
Häuschen zu verteidigen, oder andererseits, das der Nachbarschaft zu erobern und
zu besetzen. So lernten wir schon in jungen Jahren, wie sich Konflikte
entwickeln konnten und wie man sie am besten bewältigen konnte. Von den
Winnetoufilmen aus dem Fernsehen oder auch in den Karl May – Büchern gelesen,
wussten wir, dass die Indianer nach dem Lösen des Konfliktes die Friedenspfeife
rauchten. Mit Heckenlaub, in von uns selbst geschnitzten Pfeifen, taten wir das
auch. Manchmal stanken die Pfeifen fürchterlich oder das Laub brannte gleich
lichterloh. Da musste man einfach durch. Manch eine Bubenhose musste nach so
einer intensiven Friedenspfeife heruntergelassen werden. Spätestens aber zu
Sonnenuntergang half dann ein jeder dem anderen, seine Kühe aus der großen Herde
zu sortieren. Anschließend machte man sich, wieder einig, auf den gemeinsamen
Heimweg.
Nur ganz selten wurden die Tiere
von den Hütebuben schon vor dem Heimweg von Nachbars Weide geholt. Das war immer
dann, wenn unverhofft der Feldschütz auftauchte. Vor dem hatten wir alle einen
großen Respekt. Kaum war er aber weg, ging alles wieder seinen gewohnten
Gang.
Ich bin sehr gerne zur Weid
gefahren und ein Hütejunge gewesen. Ich habe viele schöne Erinnerungen an die
Tage, an denen ich mit Kühen, Freunden und der Natur alleine war, mitgenommen in
mein Erwachsenendasein.
Text: Bernd Schröder, Schotten-Eichelsachsen E-Mail: schroeder.bernd@freenet.de |