Die „Lange Nacht“ beschreibt die Nacht des 23. Dezember auf den Heiligabend. Herta Schröder, im Vogelsbergdorf Wingershausen aufgewachsen, erzählt uns die Geschichte der Langen Nacht, so wie sie es als junges Mädchen erlebt hat. Gerade 16 Jahre alt war sie damals.
Es war gerade ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Damals gingen die Feiern zur „Langen Nacht“ von den Spinnstuben aus, von denen es in Wingershausen zwei gab. Eine setzte sich zusammen aus den älteren Jahrgängen der Mädchen, in der anderen waren die jüngeren.
An den langen Winterabenden kamen die jungen Mädchen des Dorfes immer zusammen, um die angefallene Schafswolle zu verspinnen. Davon hatte die Spinnstube ihren Namen bekommen. Die gesponnene Wolle wurde anschließend verstrickt. War der Abend weiter fortgeschritten, trafen die Burschen des Dorfes bei den Mädchen ein. Sie setzten sich auf Bänke im Hintergrund, während die Mädchen am Tisch, nahe dem Licht, strickten.
Diejenigen Burschen, die zuerst auftauchten, also „zu früh“ zu den Mädchen kamen, weil diese mit der Strickarbeit noch nicht fertig waren, wurden „Bankrutscher“ genannt. Sie schoben sich solange auf dem Hintern hin und her, bis die Mädchen soweit waren.
Nach getaner Arbeit wurde immer gemeinsam gesungen oder es wurden Spiele ausgetragen. Das war im Winter das einzige abendliche Vergnügen der Wingershäuser Jugend. Die Spinnstuben setzten nach der Ernte und getaner Feldarbeit im Spätherbst ein. Sie endeten im März, bevor die Feldarbeit wieder anfing. Sie fanden in den elterlichen Wohnzimmern der jungen Mädchen statt. In der Ausrichtung wechselten sich die Mädchen wöchentlich reihum ab. Spätestens um 23 Uhr mussten die Mädchen an den Abenden daheim sein. In der „Langen Nacht“ war die Spinnstube ganz anders. Die Mädchen buken Kuchen und die Burschen kümmerten sich um die Getränke. An diesem besonderen Abend wurde nicht gestrickt und die Burschen waren gleich mit dabei. Als erstes wurden die Möbel aus der Wohnstube geräumt. Damit wurde Platz gemacht zum Tanzen. Einer der Burschen hatte ein Schifferklavier und machte Musik.
In dem sonst ruhigen Dorf ging es in diesen Nächten oft laut zu. Zwischen Tanzen und Spielen wurde gegessen, getrunken und viel gelacht. Zu essen gab es selbstgebackenen Kuchen und zu trinken meistens Apfelwein. Sonst gab es nicht viel zu verzehren in dem kargen Nachkriegsjahr.
In dem Bergdorf Wingershausen hatten die meisten Bewohner eigene Äpfel. Man machte Apfelwein daraus. Jeder hatte Apfelwein im Haus. Beschwipst wurden die jungen Leute davon aber nicht. Oftmals musste das Getränk noch mit Wasser verdünnt werden, um es durch die Nacht zu strecken. Im besten Fall gab es Limonade dazu. Trotzdem war es für die Jugendlichen die schönste Nacht des Winters. Für sie gab es in dieser Nacht keine Sperrstunde. Man feierte so lange und ausgiebig, wie man wollte. Niemand gebot ihnen Feierabend. Manchmal wurde das Wohnzimmer für die Feier zu klein. Dann gingen die jungen Leute auf die Dorfstrasse. Die beißende Kälte spürten sie dabei nicht, denn viele Streiche mussten in der besonderen Nacht noch ausgeheckt werden.
Es ging darum, der zweiten Spinnstube einen Schabernack zu spielen. Die Burschen stellten dazu aus einfachen Mitteln so genannte „Stinkbomben“ her. Diese wurden dann der anderen Spinnstube in den Hausflur oder das Zimmer gelegt. Trat man darauf, stank es fürchterlich! Was die Burschen in den Stinkbomben verarbeiteten, daran kann sich die Erzählerin nicht mehr erinnern. Bei einem weiteren Streich wurde ein Eimer, gefüllt mit Wasser, so über der Haustüre befestigt, dass sich dieser beim Öffnen der Tür, über dem Eintretenden ergoss. Die lustigen Streiche machten so die Lange Nacht zur kurzweiligsten Nacht des Winters. Als das junge Mädchen morgens endlich gegen 6.30 Uhr den Weg nach Hause fand, hatte die Mutter schon den Teig für den Feiertagskuchen angemacht. Der musste jetzt geknetet werden. Es war keine Zeit mehr übrig, um sich ins Bett zu legen. Die Mutter sprach kein Wort. Das junge Mädchen blieb auf, knetete den Teig, rollte ihn auf den Kuchenblechen aus, schälte Äpfel und belegte den Kuchen. Gebacken wurde noch am Vormittag des Heiligen Abend im Backhaus des Dorfes. Nach der bäuerlichen Stallarbeit am Nachmittag, erklangen bald die Glocken der Heiligen Nacht. Sie riefen die Familie zum Kirchgang. Erzählt hat die Geschichte Herta Schröder (Foto). Sie ist 78 Jahre alt ist und lebt bei ihrer Familie in Schotten-Eichelsachsen. Ihr Sohn Bernd hat sie für uns aufgeschrieben. |