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Am Neumondabend, Montag 22.6.2009, gegen 20 Uhr sieht man Menschen mit Autos, Fahrrädern und zu Fuß die Waldwege zum Totenköppel hinaufklimmen, dem einzigen noch erhaltenen und im Gebrauch befindlichen Sippenfriedhof Hessens. In der abendlichen Atmosphäre packen gutgelaunte Menschen ihre Campingstühle, Schlafsäcke und Decken aus. Kerzen und Laternen werden aufgestellt und an manchen Ecken kreist die erste Flasche Sekt oder ein Schnäpschen zum Aufwärmen.
Es war den ganzen Tag nicht wirklich warm, und hier oben auf einem luftigen Hügel des Vogelsberges bei Meiches ist es empfindlich kühl zu dieser Abendstunde. Mancher mag sich fragen, was die cirka 150 Menschen an der Kapelle hier oben vorhaben. Es steht kein Gottesdienst an und auch kein heidnisches Fest, das mit großer Sicherheit hier auch gefeiert wurde, denn vor der Entstehung der Kapelle vor 800 Jahren, vermutet man, gab es einen alten Kultplatz an dieser Stelle.
Die abendlichen Gäste in allen Altersklassen sind gekommen, um die "Nacht der Poesie" mitzuerleben. Wie schon Jahre zuvor ist wieder auf Einladung der Gemeinde Lautertal und ihres Bürgermeisters Stock der Hamburger Schauspieler Rudolf H. Herget erschienen, um eine Literatur Open-Air Veranstaltung in unverwechselbarer Natur stattfinden zu lassen. Lyrische Texte und Gedichte, von CD mit Musik hinterlegt, trägt der Schauspieler vor, der früher in Wiesbaden im Staatstheater auf der Bühne stand.
20.30 Uhr: Unverwundbar-Genesis lautet der heutige Abend, der einen unvergleichlichen Blick auf die Schöpfungsgeschichte ermöglichen soll sowie auf die Gefühle und Erfahrungen der Astronauten beim Anblick der Erde aus dem All. Schweigen tritt ein, als Herget beginnt und daneben nur noch der Wind in den Bäumen zu hören ist. Am Fuße dieser alten Totenstätte schließen die Menschen die Augen und lassen sich tragen beim Hören von einer einzigartigen Gedichtmischung aus frei vorgetragenen Worten von Rilke, Nitsche, Thomas von Aquitanien. Dabei komme auch ich ins Träumen, lasse meinen Blick schweifen über die nebligen Hügel und Wiesen des Vogelsberges. Ich vernehme im Hintergrund das Zwitschern der Vögel und erlebe förmlich die Schöpfung. Als uns zu dem Lied "Morning has Broken" noch ein einzigartiger Sonnenuntergang beschert wird, wünscht man sich, jeden Morgen und Abend hier zu sitzen und die Sonne auf und untergehen sehen.
Aber auch an manchen anderen Tagen hat mich der Totenköppel schon in seinen Bann gezogen Die alte Kapelle mitten im Wald zwischen den uralten Bäume gibt einem das Gefühl großer Ruhe. Jedes Mal, wenn ich hierher komme, entdecke ich wieder Neues, das meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Die alten Grabkreuze und Steine auf dem Friedhof erzählen dem Betrachter rührende Geschichten. Man sollte sich Zeit nehmen, sie zu betrachten und zu lesen. Für eine Wanderung zum Totenköppel wird man bei schönem Wetter belohnt mit einem wunderschönen Blick über die Hügel des Vogelsberges bis hinüber zur Rhön. Bei einem Ruhemoment auf einer Bank unter den alten Bäumen ist man der hier Schöpfung auch ohne Nacht der Poesie ganz nah.
Die Kapelle, die heute hier oben steht, ist auf den Trümmern einer viel älteren Heilig-Kreuz Kirche erbaut worden, die ihren Ursprung wohl schon im Jahre 1250 hatte. Bei Renovierungsarbeiten kam kürzlich unter dem Lehmputz eine alte Wandmalerei zum Vorschein. Sie war dort viele hundert Jahre verborgen gewesen. Zurzeit wird sie gerade freigelegt. Wenn man möchte, kann man den Arbeitern über die Schulter schauen. Im Inneren der Kirche befindet sich ein Taufstein (um 1500 n. Chr.), der das Bildnis Georgs des Drachentöters zeigt.
Als Wallfahrtsort war die Kapelle noch bis zur Wende des 20. Jahrhunderts bekannt, weil das Regenwasser, das sich im Taufstein fing, heilende Kräfte besessen haben soll. Der Überlieferung zufolge riet man früher bei schweren Krankheitserscheinungen: "Geh nach Meiches und lass für dich beten." Doch soll es mit der Heilkraft des Wassers vorbei gewesen sein, nachdem Zigeuner Feuer im Taufstein gelegt hatten und dieser einen noch heute sichtbaren Sprung bekommen hatte.
Textquelle + Fotos: Susanne Duetzer |