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Der Schottenring hat im deutschen Motorsport einen ähnlichen Kultstatus wie die als "grüne Hölle" bezeichnete Nürburgring Nordschleife. Neben der Streckencharakteristik liegt der größte Unterschied jedoch darin, dass die Nordschleife eine permanente Rennstrecke ist und der Schottenring eine öffentliche Straße. Hessens wohl bekannteste Rennstrecke hat eine wechselvolle Geschichte, die am 1. August vor 80 Jahren begann. Als Rennstadt ist die 12.000 Einwohner zählende Stadt Schotten längst ein Begriff, nicht nur, aber vor allem in der Zweiradszene.
Die Geschichte des damaligen "Vogelsberger Automobil- und Motorradclubs (VAMC), Sitz Schotten" wurde am 25. Juli im "Hessischen Haus" und am 1. August im "Alten Brauhaus" begründet. Zum Vorstand zählten damals Friedrich Wilhelm Engler als Vorsitzender, Landwirtschaftsrat Wenzel aus Schotten als zweiter Vorsitzender und Dr. Dambmann als Sportberichterstatter. Es war die Zeit der Motorradrennen, die nach der Inflation von 1923 einen Aufschwung erlebten, wie das Marburger Bergrennen, das Schauinslandrennen bei Freiburg, das Avus-Rennen in Berlin und das Dreieck-Rennen Schleiz. Der Nürburgring wurde mit einem damaligen Kostenaufwand von 14 Millionen Reichsmark von 1925 bis 1927 gebaut.
Das Auftaktrennen am Schottenring fand am 12. September 1925 jedoch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weil die Motorisierung noch am Anfang stand und die Motorradfahrer bei "anderen Strassenmitbenutzern nicht sonderlich beliebt waren". Man machte sich Gedanken über einen besseren Streckenverlauf. Englers Idee, das Rennen über Schotten, Gedern, Ortenberg, Selters, Ranstadt, Nidda und Schotten über eine Länge von 60 Kilometern zu führen, wurde wegen vieler Eisenbahnübergänge, starkem Fuhrwerksverkehr und auch polizeilicher Probleme verworfen. Kurze Zeit später hatte der agile Vorsitzende jedoch die Idee, die Strecke über Rudingshain zum Bereich "Poppenstruth" zurück nach Götzen zu führen. Das war die Lösung. Eine wenig befahrene Strecke von 17 Kilometern über zwei Runden, und man begann mit einem Motorradturnier.
Bei strahlendem Sonnenschein wurde 1926 als Mitglied im DMV (Deutscher Motorradfahrer-Verband) das zweite Motorradturnier "Rund um Schotten" veranstaltet. Als "wilder Club" durfte man keine Rennen mehr durchführen. In der 250er Klasse siegte Lehrer Hans Reinheimer aus Schotten und bei den 350ern gewann Eduard Kratz aus Ober-Ohmen.

Ein Jahr später wurde mit der Provinzialdirektion Oberhessen in Gießen bezüglich der Verbesserung an der Rennstrecke verhandelt und die offizielle Anerkennung der Veranstaltung bei der ONS (Oberste Nationale Sportbehörde) beantragt. Federführend war auch hier Engler, der jedoch 14 Tage vor dem Rennen in Schotten bei einem Rennen in Aschaffenburg mit seiner BMW 500 schwer stürzte und einen Fuß verlor. Im September 1928 verstarb Engler an einer Embolie an den Folgen dieser Verletzung. Zu seinen Ehren und der Rennen "Rund um Schotten" steht zwischen Schotten und Götzen noch heute der am 2. Juli 1931 eingeweihte "Englerstein". Auch das im August 2000 eingeweihte Clubheim in der Vogelsbergstraße in Schotten trägt den Namen Engler-Haus.

Trotz der Weltwirtschaftskrise gehörte der VAMC auch Anfang der dreißiger Jahre zu den großen Veranstaltern mit bis zu 50.000 Besuchern. Aufgrund von Streckenrenovierungen fanden 1934 und 1935 keine Rennen statt. Ein Jahr später lobte die Presse das "weiß leuchtende helle Band der neuen Rennstrecke, das sich über die Berge dieses herrlichen Stückchens Erde im Vogelsberg windet".

Mit 125 km/h fuhr Kurt Mansfeld auf DKW die schnellste Rennrunde. Ein Rekord, der 12 Jahre Bestand haben sollte. Die ONS hatte 1937 nach der Auflösung des früheren Motorsportclubs die Durchführung aller motorsportlichen Veranstaltungen übernommen. Mit Demonstrationsrunden eines Mercedes-Benz Silberpfeil Grand-Prix-Kompressor-Rennwagen gingen die Schottener neue Wege, denn ein Jahr später sollte die Sportwagenklasse ausgeschrieben werden.

1938 erlebten die 80.000 Zuschauer mit 246 Fahrern das bisher größte Starterfeld am Schottenring und das Rennen wurde erstmals wie alle Großen Preise im Uhrzeigersinn gefahren. Sieger in der Halbliterklasse wurden die Brüder Rührschneck auf Norton mit einem Schnitt von 99,2 km/h.

Im Gegensatz zum Nürburgring überstand der Schottenring den Krieg unbeschadet. Georg "Schorsch" Meier, auch der "Gusseiserne" genannt, setzte sich als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Motorradrennfahrer 1947 wieder für eine Veranstaltung in Schotten ein. 80.000 bis 90.000 Zuschauer sahen packende Rennen der 176 Fahrer. Der überwältigende Erfolg in der Nachkriegszeit führte zur Gründung des "Motorsportclub e. V. Rund um Schotten".

Vor 70.000 Zuschauern markierte Schorsch Meier 1948 mit 125,3 km/h einen neuen Rekord. Die Besucherzahlen übertrafen auch weiterhin alle Erwartungen und 1952 wurde mit rund 270 000 Zuschauern der bisherige Rekord erreicht.
Im Jahr darauf durfte der MSC mit dem "Großen Preis von Deutschland für Motorräder" sein bisher größtes Ereignis austragen. Doch im Vorfeld wurde - bis heute ein Novum im Motorsport - von den Teamchefs der Marken Norton, AJS und Gilera ein Fahrerstreik angezettelt. Der Hintergrund waren vier Todesstürze bei der "Tourist Trophy" auf der berühmten Isle of Man und damit die – scheinbare - Auflehnung gegen gefährliche Straßenkurse. Wie sich der Rückzug wirklich abgespielt hat, ist im Detail nicht mehr zu klären.

Es wurde entschieden, die großen Klassen nicht als WM-Läufe auszutragen, sondern nur als internationale Rennen und die kleinen Klassen als Meisterschaftsläufe zu werten. Bei den 350er siegte Bandirola und bei den 125er Ubbiali, jeweils auf MV Agusta. Haas siegte auf NSU in der 250er Klasse und Walter Zeller gewann auf BMW die Halbliterklasse.

Ausgerechnet im Schottener Jubiläumsjahr fand 1955 das letzte Rennen statt. Auslöser war die Katastrophe beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, als der französische Mercedes-Benz Fahrer Levegh mit seinem 300 SLR ins Publikum raste und 83 Menschen starben. Die Tragödie verursachte damals eine schwere Krise im Motorsport.

In den folgenden Jahren wurden Bildersuchfahrten und Geschicklichkeitsturniere durchgeführt. Ein Neubeginn fand erst 1968 mit dem neu gewählten Vorsitzenden Helmut Neumann statt. Sein Vertreter war der mittlerweile verstorbene Heinz Föschner. Als erster Sportleiter fungierte Klaus-Rainer Ißleib.
Am 4./5. Mai 1968 fand mit der 1. "ADAC Straßen-Zuverlässigkeitsfahrt Schottenring" die erste große Veranstaltung seit 1955 statt. In den 70er Jahren folgten die "ADAC-Hessenfahrt" und der "Bergpreis", der bis 1983 durchgeführt wurde.

Von 1982 bis 1991 war der MSC als Veranstalter der Motorrad-Rallye "1.000 km von Hockenheim" federführend. Der Aufwand war dazu war groß, musste doch die gesamte dafür notwendige Ausrüstung nach Hockenheim gebracht werden. Aus Kostengründen wurde die Veranstaltung 1992 deshalb aufgegeben. Man wollte sozusagen wieder "zurück zu den Wurzeln", aber wie und vor allem wo in Schotten?

Unter dem unermüdlichen Motto "Niemals aufgeben" entstand eine neue Möglichkeit, die alte Rennstadt wieder zum Leben zu erwecken. Mit dem 1989 erstmals ausgetragenen "Internationalen Schottenring Grand-Prix" mit Gleichmäßigkeitsläufen hatte der MSC wieder ein Aushängeschild.
In dieser Zeit fand auch eine Wertungsprüfung der "Internationalen ADAC Hessen-Rallye", einem Lauf zur Rallye-Europameisterschaft und zur Deutschen Rallyemeisterschaft, auf dem Schottenring statt. Ebenso wurde bei der damaligen "Rallye Vogelsberg", einem Lauf zum früheren "Rallye Central Cup", auf dem Schottenring gefahren.

Neben dem "Schottenring Grand-Prix" im August, der jedes Jahr fast 20.000 Zuschauer anlockt, ist die "ADAC Hessen-Rallye Vogelsberg" im April als Lauf zur Deutschen Rallyemeisterschaft seit 2004 ebenfalls wieder ein fester Bestandteil des Schottenrings. Nicht ganz so hektisch und laut geht es beim "Internationalen ADAC Bergpreis für historische Autos und Motorräder" zu, der ebenfalls als Gleichmäßigkeitsprüfung mit steigendem Interesse seit 2003 durchgeführt wird.

Ein Generationswechsel hat sich 2002 an der Spitze des MSC-Vorstandes vollzogen. Nach 33 Jahren als Vorsitzender übergab Helmut Neumann das Ruder an Wolfgang Wagner, im Hauptberuf Fahrlehrer, der nun die Aktivitäten des rund 400 Mitglieder starken ADAC-Ortsclubs leitet. So geht die Geschichte des Schottenrings auch im Jubiläumsjahr weiter, getreu dem Motto "Niemals aufgeben". Weitere Informationen auch unter www.schottenring.de

(Fotos: Mit vielem Dank - einem uralten s/w Film der 30er Jahre des MSC Schotten entnommen und vom Grandprix 2003 / 2004 - aus dem Bestand des MSC ;-) |