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Zu einem großen Erfolg wurde am Wochenende des 19. und 20. August 2006 der 18. Int. ADAC/VFV Schottenring Classic Grand Prix auf dem Stadtkurs in Schotten. Über 16.000 begeisterte Zuschauer verfolgten die Gleichmäßigkeits- und Showläufe der rund 400 Starter, darunter viele Motorradsuperstars der vergangenen Jahrzehnte. Superstimmung im Mekka der Motorradfans

In Schotten herrschte Ausnahmezustand: Die Motorrad- und die Nostalgiefans hatten am Wochenende des 19./20. August das Vogelsbergstädtchen fest im Griff und feiern die Renn-Idole vergangener Tage. Allein der Engländer Phil Read – inzwischen 67 Jahre alt, immer noch Kettenraucher und kein bisschen langsamer geworden – musste über 1.000 Autogrammkarten verteilen und unzählige T-Shirts und Helme signieren. Der siebenfache Weltmeister war zusammen mit Kent Andersson (Schweden) und Lokalmatador Dieter Braun der Topstar des Rennwochenendes. 16.000 Zuschauer machten Schotten zum Mekka des historischen Motorradrennsports. Schon am Freitagabend waren zur Fahrervorstellung am Schottener Rathaus über 1.500 Gäste gekommen. Auf dem 1,4 Kilometer langen Stadtkurs von Schotten, der sich seinen festen Platz im Veranstaltungskalender nach den grandiosen Tagen des Rennsports von 1925 bis 1955 auch in der Neuzeit zurückerobert hat, gingen dann am Samstag und Sonntag rund 400 Maschinen ab Baujahr 1902 bereits ab 8 Uhr auf ihre Gleichmäßigkeitsrunden.
 Neben den Superstars des Rennsports waren auch alle Fahrer mit den spektakulären Gespannen die Publikumslieblinge, die für den spektakulären Fahrstil und die akrobatischen Einlagen ihrer „Schmiermaxen“ mit viel Applaus belohnt wurden. Die Gleichmäßigkeitsläufe zählten zur Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft des VFV (Veteranen Fahrzeugverband), die Sonderläufe und Showfahrten waren für Fahrer und Fans reine „Applaus-Rennen“. Phil Read war von Schotten und dem herrlichen Ambiente begeistert, verglich das Rennen mit dem legendären „Goodwood Festival of Speed“ und versprach: „I will come back next year!“ Wolfgang Wagner, Vorsitzender des renommierten MSC Rund um Schotten e.V. im ADAC, ging das Lob runter wie Öl. Überraschungsgast Ralf Waldmann sagte schon jetzt seine Teilnahme in 2007 zu. Über 400 Helfer hatten an den Renntagen sowie beim Auf- und Abbau für einen reibungslosen Ablauf gesorgt. Trotz des straffen Zeitplans und der Fülle der Läufe: Auf die Sekunde genau wurden die letzten Wertungsläufe am Sonntagnachmittag von Rennleiter und MSC-Sportleiter Manfred Hirth gestartet. It’s unbelievably fantastic!

„Unglaublich fantastisch“ fand Phil Read den Schottenring Classic Grand Prix. Der Brite ist neben dem heutigen Superstar Valentino Rossi der einzige Rennfahrer, der in drei verschiedenen WM-Klassen Weltmeister werden konnte. Read startete mit dem „Yamaha Classic Racing Team“ seines ehemaligen Mechanikers Ferry Brouwer. Der Holländer ist schon bei vielen historischen Veranstaltungen angetreten, auch solch legendären wie in Assen (NL) und Brünn (CS). Schotten? – „It’s the best!“ Brouwer hat auch für den bislang einzigen schwedischen Weltmeister, Kent Andersson, getunt. Andersson sagte auf Empfehlung seines Landsmanns Helge Hallin zu, der mit einer Matchless von 1962 in Schotten schon Läufe zur internationalen Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft bestritten hatte. „Es ist wie bei einem Festival!“ Mit dem Engagement von Ferry Brouwer, Tuner und Mechaniker der Weltmeister Phil Read, Kent Andersson und des unvergessenen Jarno Saarinen ist dem MSC Rund um Schotten ein besonderer Coup gelungen. Prominente Zusagen für 2007

Gleich zwei deutsche Topfahrer machten sich einen persönlichen Eindruck vom Geschehen und der Atmosphäre auf dem neuen Schottenring. Rolf Steinhausen, in den 70er-Jahren Nachfolge-Weltmeister der Schottener Stammgäste Klaus Enders/Ralf Engelhardt war skeptisch in den Vogelsberg gekommen und kündigte prompt für 2007 ein Busch-Gespann mit König-Motor an. Kurios: Das Triebwerk ist von einem Bootsmotor (!) abgeleitet. Ralf Waldmann, populärster deutscher Solo-Rennfahrer in den 80er/90er-Jahren studierte die Strecke „als Schmiermaxe“ – als Beifahrer von Schotten-Stammgast und Ex-Seitenwagen-Vizeweltmeister Ralph Bohnhorst. „Waldi“ würde eine Premiere mitbringen: erstmals wäre dann eine 80-ccm-Rennmaschine zu sehen und zu hören, eine „Seel“, das Motorrad mit dem er seine Karriere 1986 begann und beispielsweise Vize-Europameister wurde. Anspruchsvolle Strecke

Natürlich ist die heutige Streckenführung vom fahrerischen Anspruch her nicht mit dem alten 16,08 km langen Kurs, den heutigen Bundesstraßen um Schotten, zu vergleichen. Aber aus kompetentem Munde gab es viel Anerkennung für die 1,4 Kilometer lange Strecke. Ex-Weltmeister Dieter Braun: „Mit Giacomo Agostinis 350er-MV-Agusta war der Kurs kein Problem, aber mit den Yamahas brauchst Du starke Arme.“ Der Unterschied rührt vom Bauprinzip her: Die MV Agusta ist ein Viertakter und laufruhiger als die Zweitakt-Yamahas mit schmalem Drehzahlband und abrupt einsetzender Leistung. Die Bodenwellen und Überfahrten über Kanaldeckel erinnerten Braun an die seinerzeit auf öffentlichen Straßen ausgetragenen Grand Prix in Brünn und den Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal. WM-Laufsieger Jos Schurgers (NL) war von der Kurvenkombination an der Schottener Post begeistert, „die hat WM-Niveau!“ Von der Organisation, insbesondere für die Sicherheit der Fahrer, waren die WM-Stars von Einst ebenfalls angetan. Bewegende Momente
Der Niederländer Lous van Rijswijk war Starter im Yamaha Classic Racing Team, kam mit gemischten Gefühlen nach Schotten. 1952 war auf dem alten Kurs sein Vater tödlich verunglückt. Er besuchte, begleitet von Vertretern des MSC Rund um Schotten, die Unfallstelle in Rudingshain und legte Blumen nieder. Eine Frau kam zu der Gruppe und erzählte, dass sie als Kind den Sturz miterlebt hatte. „So eine liebe herzliche Person! Das war sehr ergreifend mit dieser Frau zu sprechen. Ich habe mehr als 50 Jahre Abstand gebraucht, jetzt ist alles leicht.“ Die Rudingshainerin konnte auch einen Hinweis auf den Unfallhergang geben – vermutlich war ein Reifen geplatzt. Publikumsliebling auf Weltmeister-Maschine
Wie im Vorjahr war Heinz Rosner einer der Publikumslieblinge. Der Sachse hatte 1968 das bislang unerreichte Kunststück fertig gebracht und drei WM-Klassen in den Top 4 beendet. Der MZ-Werksfahrer setzte erneut ein Weltmeister-Motorrad ein. Kurios oder logisch: Rosner fand Barry Sheenes Suzuki 500 von 1976 leichter zu fahren als die 350er-Yamaha (1977) von Takazumi Katayama. Das Motorrad des Japaners hatte mit drei (gegenüber vier des Briten) eine ungerade Zahl von Zylinder und bauartbedingt entsprechend mehr Vibrationen. Von "Kneelern" und "Sitzern"
Lokalmatador Bernd Albert (Laubach) brachte gleich zwei verschiedene Gespanne an den Start, erstmals ein „Kneeler“ (vom englischen „knee“: der Fahrer kniet auf der Maschine) von 1974 und ein „Sitzer“ von 1964. Technisch interessant: Entspricht der „Sitzer“ noch eher der klassischen Bauweise eines Motorrads mit angebauten Seitenwagen, so hat das „Kneeler“ Technik aus dem Formel-Autosport intus. Mit Jens Daniel (Grünberg) und Patrick Schulz (Butzbach) hatte er für jedes Gespann einen anderen Beifahrer. „Die sind beide so motorradverrückt, da musste ich mit zwei Maschinen kommen…“ Albert hatte auch noch Zeit, sich in den Mittagspausen als „Renntaxi-Chauffeur“ zu engagieren. Am Samstag hatte er hr-Redakteur Jens Kölker („Dolles Dorf“) samt Kamera im Beiwagen. Schminken fürs Fernsehen

Das Fernsehen wird auch immer professioneller. Für die „Hessenschau“, am Samstagabend live aus Schotten, wurde eine Tribüne als Kulisse ausgiebig vorab „ausgeleuchtet“. Und Wolfgang Wagner, 1. Vorsitzender des Veranstalters, des MSC Rund um Schotten e.V. im ADAC, musste 20 Minuten lang „in die Maske“. Das amüsierte Deutschlands Doppelweltmeister Dieter Braun. Der war Anfang der 70er-Jahre der erste Motorradrennfahrer in der ARD-„Sportschau“ gewesen und „nur mal rechts und links mit dem Pinsel gepudert“ worden. Neben dem kosmetischen ist auch das journalistische Niveau gestiegen: Braun hatte sich mit dem mit Vorurteilen behafteten Eiskunstlaufexperten der ARD auseinanderzusetzen. Abenteuerliche Reisen
Oberster Motorradexperte des ADAC Hessen-Thüringen, in dem der MSC Rund um Schotten organisiert ist, ist Franz Pickenhahn (Melsungen). Für den Motorradreferenten ist Schotten „ein Muss“ – und das seit Jahrzehnten. Schon als Kind war er mit auf dem alten Kurs. Apropos: Wie reisten denn vor 50 bis 60 Jahren mehr als 200.000 Menschen (!) in den Vogelsberg? „Ein Spediteur hat ein paar Biertische auf die Pritsche der Laster genagelt und da saßen wir hinten drauf... Es gab massenweise solcher Gefährte!“ Im Internet „klickte“ es mächtig
Die Homepage des MSC Rund um Schotten war bei den Motorradfans vor und auch während des Classic Grand Prix eine begehrte Informationsquelle. Nach dem Erscheinen des Programmheftes als Zeitungsbeilage, den zahlreichen Hörfunkbeiträgen und besonders nach der Live-Übertragung der hr-Hessenschau verzeichnete man in der Organisationszentrale über 300 Zugriffe pro Stunde! Darüber freute sich Martin Diehlmann, der während der Veranstaltung „Leiter der Streckesicherung“ war, aber vor dem Rennwochenende auch die Internetseite bestückte. Jetzt sind die Fotos und die Ergebnisse besonders interessant.
Mehr unter www.schottenring.de
Bericht und Fotos: Manfred Möll (mam) |